Wanderfahrt nach Nagymányok/Bonyhad

OWK Reichelsheim auf Wanderfahrt in Ungarn

Früh am Samstag, den 07.10.2017 startete der Odenwaldklub Reichelsheim seine 9-tägige Wanderfahrt zur ca.1150 km entfernten ungarischen Partnergemeinde Nagymányok in der Nähe von Budapest. Um die lange Anreise für die 29 Teilnehmer, überwiegend Senioren, abwechslungsreich zu gestalten, folgten wir ab Passau der Donau. Einen ersten Aufenthalt mit Übernachtung gab es in Linz. Wir trafen dort am Nachmittag ein, so dass noch ein wenig Zeit blieb für einen Stadtbummel bei Tageslicht, denn Linz ist durchaus sehenswert mit seinem alten und neuen Dom, der Altstadt und der Donau. Es lädt zum Wiederkommen ein.

Am Sonntagmorgen erlebten wir beim nächsten Zwischenstopp eine gelungene Führung durch die beeindruckende Anlage des Klosters Melk.

Am frühen Nachmittag war es endlich soweit: Wir passierten die ungarische Grenze – ohne Passkontrolle, ohne Aufenthalt. Die dadurch gewonnene Zeit nutzten wir für einen Abstecher zum Balaton. Die Badesaison am Plattensee war zwar vorüber, doch der größte Binnensee Mitteleuropas zeigte sich in der Herbstsonne in voller Schönheit.

Rechtzeitig zum Abendessen trafen wir in unserer Pension in Bonyhád , einem Nachbarort von Nagymányok mit ca. 14.000 Einwohnern, ein. Wir werden herzlich empfangen und köstlich bewirtet, so dass wir uns gleich wie zuhause fühlen.

Bei unserer ersten Wanderung führte uns der deutsch sprechende ungarische Wanderführer Laslo am Montag auf teilweise abenteuerlichen Wegen in die Umgebung von Nagymányok, wo früher Bergbau betrieben wurde und heute noch riesige Steinkohlevorkommen im Boden schlummern. Nach dem gemeinsamen Mittagessen vom Büfett und der offiziellen Begrüßung durch den Bürgermeister zeigte dieser uns stolz die wirtschaftliche Entwicklung des inzwischen schuldenfreien Ortes mit seinem neuen Industriegebiet. Alles nicht ganz einfach bei der heutigen Politik. Über die Geschichte des Ortes erfuhren wir mehr beim Besuch zweier Heimatmuseen. Einst siedelten hier Ungarnschwaben und wurden von Siebenbürgern abgelöst. Heute gibt es immer noch einige deutschstämmige Familien hier.

Der Tag fand einen weinseligen Abschluss in der Kellerhohl von Nagymányok: einem Weg, an dem sich Häuschen an Häuschen duckt – alle mit alten Weinkellern, in denen heute noch für den Eigenbedarf Wein vergoren und verkostet wird.

Der Dienstag führte uns zuerst ins etwa 30 km entfernte Pécs, eine der ältesten und die fünft größte Stadt Ungarns, am Fuße des Mecsek-Gebirges nahe der kroatischen Grenze. Die Bischofsstadt ist Sitz des Komitats Baranaya, Zentrum der Donauschwaben und Heimat von 9 ethnischen Minderheiten mit eigenen Selbstverwaltungen. Durch die bereits 1367 von König Ludwig dem Großen  gegründeten Universitäten mit Studiengängen für Human- und Zahnmedizin sowie heute auch Musikal und Kunst prägen hier viele junge Menschen das mediterrane Stadtbild mit seinen teilweise barocken Häusern.

Da die Stadt 2010 zur Kulturhauptstadt Ungarns gewählt und zum Unesco Weltkulturerbe erklärt wurde, sind die zahlreichen Baudenkmäler – darunter fünf Kirchen – in sehr gut restauriertem Zustand. Wir besichtigten die römisch-katholische Kathedrale St. Peter und Paul sowie die Moschee Gazi Khassim, die zur christlichen Kirche umgebaut wurde. In einer Seitenstrasse entdeckten wir eine kleine Handschuhmanufaktur mit Museum und erfuhren, dass dieses Handwerk schon seit vielen Generationen hier ausgeübt wird – wenn auch durch die politische Entwicklung Ungarns zwischendurch unter staatlicher Regie.

Mit kurzem Zwischenaufenthalt an den Seen bei Orfü ging unsere Tagestour weiter zur Führung durch die geschützte Tropfsteinhöhle von Abaliget, mit 2 km Gesamtlänge die längste erforschte Tropfsteinhöhle Ungarns. Für Besucher sind 500 m begehbar – düster, kühl und feucht, mit Hindernissen.

Auch der Mittwoch war von Besichtigungen geprägt. In Grábóc erfuhren wir vom deutsch-stämmigen Bürgermeister zunächst viel über die Geschichte des Ortes, in dem bis zum 1. Weltkrieg keine Ungarn sondern je zur Hälfte Deutsche und Serben wohnten. Da die meisten Serben nach dem Krieg zurück nach Jugoslawien gingen, lebten bis zum 2. Weltkrieg hier fast nur noch Deutsche. Diese wurden von den Russen nach Ende des Krieges vertrieben und Siebenbürger wurden angesiedelt, deren Familien zum Teil bis heute hier leben.

Die Sehenswürdigkeit des Ortes ist das serbisch-orthodoxe Kloster, das erstmals im 16.Jh erbaut wurde. Nach zweimaliger Zerstörung durch Angriffe christenfeindlicher Türken und im ungarischen Befreiungskrieg gegen Österreich durch Serbenfeinde erfolgte 1736 der Wiederaufbau. Später diente das Kloster als Altenheim. Nach der Restaurierung in den 1980er Jahren finden seit 2010 hier wieder große Gottesdienste statt, zu denen die Gläubigen von weit her gepilgert kommen.

In Bátascék schloß sich die nächste Kirchenführung in der 7.größten Kirche Ungarns an, deren Turm stolze 83 m hoch ist. Damit ist diese katholische Kirche höher als lang. Da sie auf einer ehemaligen Donauinsel aus unzähligen Backsteinen innerhalb nur eines Jahres errichtet wurde, senkte sich der Bau trotz der 9 m tief gegrabenen Fundamente ab und die Decke bekam Risse. Durch einen Ringanker und neue Säulen im Innenraum wurde Abhilfe geschaffen, die Risse wurden kunstvoll geschlossen. Als Besonderheit blieb, dass die Kirche heute oben breiter ist als unten. An der kunstvollen Bemalung arbeiteten damals 30 Arbeiter nur 4 Monate. Das ist besonders erwähnenswert, weil die Restaurierung in unserer heutigen Zeit 10 Jahre gedauert hat.

Weiter ging es nach Szekszárd, wo uns eine weitere geführte Stadtbesichtigung erwartete. Beim Rundgang durch die Stadt mit ihren schönen Jugendstilhäusern in der deutschen Strasse erfuhren wir viel über König Béla und die Kunstwerke, die hier an vielen Stellen zu entdecken sind. Die Stadt liegt in einem bekannten Weinbaugebiet und – für uns Wanderer interessant – am Fernwanderweg E 7.

Doch des Guten noch nicht genug. Auf dem Heimweg zeigte man uns noch in Kakasd ein wirklich besonderes Dorfgemeinschaftshaus mit einem imposanten Holzturm, das Siebenbürger als ein Stück Heimat mit Hölzern aus Siebenbürgen in Eigenhilfe errichtet haben. Diese vielen kulturellen Eindrücke wollten erst mal verarbeitet werden.

Am Donnerstag durfte dann wieder gewandert werden. Hinter der Wallfahrtskirche von Máriagyüd begann unser Wanderweg. Durch den bunten Herbstwald stieg der Weg an bis wir mit herrlicher Aussicht  oberhalb von leider abgeernteten Weinbergen belohnt wurden. Wein wird hier bereits seit der Römerzeit angebaut. Nach dem Abstieg ins Tal nahm uns der Bus wieder auf. Wir sind in 2 ½ Std. 6,8 km gewandert und haben einen Höhenunterschied von 221 m bewältigt. Heute gibt es ja für alles eine App!

Ein Teil der Gruppe hatte während unserer Wanderzeit die Zwingburg in  Siklos besichtigt. Zum Relaxen ging es jetzt nach Harkány ins schwefelhaltige Thermal-Heilbad oder einfach zur persönlichen Auszeit im Städtchen. Gemeinsam genossen wir danach in Villány, einem bekannten Weinort dieser Gegend, ein deftiges Abendessen mit Weinprobe. Wieder ging ein schöner Tag zu Ende!

Auch unser letzter Tag in Ungarn war als Wandertag geplant oder bot Gelegenheit um einfach Zeit in Bonyhád zu verbringen.

Ein Bus unserer ungarischen Freunde brachte die 6 „Sportwanderer“ nach Magyaregrery, dem Startort einer von Laslo geführten 12 km Wanderung. Die restlichen 12 Wanderwilligen fuhren weiter nach Óbányá, wo die kleine Tour von 4,5 km nach Kisújbánya startete. Ein traumhafter Waldweg führte diese Gruppe, der auch ich angehörte, an einem Bach entlang, den es manchmal auch mithilfe von Trittsteinen zu überqueren galt, sanft bergan. Zur Mittagszeit erreichten wir die Kapelle, die als Treffpunkt mit den „Sportwanderern“ vereinbart war. Frisch gestärkt mit ungarischen Backwaren traten wir dann gemeinsam den Rückweg nach Óbányá an, von wo uns der Bus wieder nach Bonyhád zurückbrachte. Dort war jetzt reichlich Zeit zum Rückblick halten und Abschied nehmen, nach einer Woche mit bestem Wanderwetter und voller Gastfreundschaft.

Mit vielen neuen Eindrücken stiegen wir samstags nach dem Frühstück in unseren Bus zur Heimreise. Noch ein kurzer Aufenthalt zum Appetit holen  im 160 km entfernten Budapest mit Besuch der Markthalle und Blick über die Stadt von der Zitadelle. Dann fuhren wir weiter zu unserem Übernachtungshotel in Wien. Auch hier hatten wir noch etwas Zeit zum Wiener Luft schnuppern: Stephansdom, Hofburg, Fiaker und trotz Nachsaison jede Menge Touristen.

Sonntags abends landeten wir wohlbehalten wieder in unserem Reichelsheim im Odenwald. Um viele Eindrücke und Erfahrungen reicher: es ist ein weiter Weg in unsere Partner-gemeinde, die in eine Landschaft eingebettet ist wie wir sie von der südlichen Bergstrasse kennen: einerseits sanfte Berge mit Weingärten und andererseits die große Ebene, bei uns durch den Rhein dort durch die Donau.